Hunger oder Appetit?

Im letzten Teil haben wir gelernt, dass es nicht eine Ursache für Hunger gibt, sondern verschiedene Gründe. Der ein oder andere von Euch fragt sich jetzt aber vielleicht “wo ist denn hier mein Heißhunger auf Schokolade?”

Gute Frage! Das meine Damen und Herren ist nicht Hunger sondern Appetit.

Hunger startet, Appetit lenkt

Es gibt einen Unterschied zwischen Hunger und Appetit. Beim Hunger dreht sich alles um Energie. Hunger bedeutet, dass Dein Körper Energie möchte – möchte, nicht braucht, wie wir bereits wissen. Denn wer sorgfältig angelegte Fettdepots besitzt, braucht keine Angst vor Unterzucker zu haben. Mit Hunger fordert Dein Körper also die sogenannten MAKROnährstoffe ein, die Energieträger wie Fett, Kohlenhydrate oder Eiweiß – die er dann in Glukolyse umwandeln kann. Dein Körper sagt: “Iss was, irgendwas!” Hunger spürst Du im Bauch.

Appetit dagegen spürst Du im Mund. Appetit lenkt Deinen Hunger in eine bestimmte Bahn. Damit versucht Dir Dein Körper ganz grob zu sagen, welche MIKROnährstoffe er gerade besonders dringend benötigt oder wie Du Dich gesund ernährst. Er möchte, dass Du bestimmte Lebensmittel in der Natur suchst und isst. Wer zum Beispiel unbändigen Heißhunger auf Salziges hat, dem fehlen – ganz grob gesagt – häufig Mineralstoffe oder Aminosäuren. Wer dagegen Appetit auf Süßes hat, den versucht der Körper in Richtung Früchte zu lenken.

Appetit hat nichts mit Hunger zu tun. Vielleicht kennst Du den Spruch “etwas Süßes geht immer” oder “für ein Dessert ist immer Platz”. Das liegt am Appetit. Du kannst also vollkommen satt sein und dennoch “Heißappetit” auf etwas haben.

Das Spannende: Appetit deutet uns in Richtung Nährstoffe wie Vitamine oder Mineralstoffe. Aber bitte was geben die meisten Menschen ihrem Körper, wenn sie Appetit auf etwas haben? Richtig! Sie geben ihm Zucker, Schokolade, Chips, Tiramisu oder andere leere Kalorien – also exakt das Gegenteil von dem, was ihr Körper fordert.

Appetit steuert Dich Richtung Nährstoffe, die gesund für Dich sind oder Dein Körper gerade besonders dringend braucht.
Die meisten verwechseln Appetit jedoch mit Hunger und stillen ihn mit leeren Kalorien.

Wie Appetit manipuliert wird

Warum aber bekommen wir Appetit auf so komische Dinge wie Cola – die keine Nährstoffe enthalten? Das hat zwei Hauptgründe:

1) Appetit wird erlernt

Wie in Level 1) erklärt, wird Appetit größtenteils durch die Gesellschaft erlernt. Babies gucken von ihren Eltern ab, das sind ihre großen Vorbilder. Doch für Teenager und Erwachsene präsentiert häufig Werbung die Vorbilder – oder es geschieht indirekt durch Freunde und Familie. Appetit wird oft schon in frühen Jahren geprägt und durch ständige Wiederholung gefestigt.

Obendrauf kommt, dass unser Geschmackssinn in die Irre geführt wird. Denn denk mal darüber nach, welche Geschmackssorten haben Süßigkeiten, Kekse, Eiscreme oder Chips? Sehr häufig sind es ganz natürliche Geschmacksrichtungen, wie Paprika, Himbeere, Banane, Kakao oder Haselnüsse. Das Problem ist nur: Dein Körper möchte und erwartet eigentlich das Original: Also echte Haselnüsse und keine Zuckercreme, echte Paprika und keine Paprika-Chips.

2) Bakterien steuern

Der zweite Grund, mindestens genauso wichtig: Wie Du bereits weißt, bestehst Du zu rund 90% aus fremden Bakterien, von denen die meisten in Deinem Darm sitzen. Mit diesen guten Bakterien leben wir in Symbiose, wir leben in Gemeinschaft, wir sind ein Team. Sie bilden den Großteil unseres Immunsystems, denn sie selektieren, was gut ist und was böse, wer durch die Darmwand in unseren Körper darf und wer nicht reingelassen wird. Auch spalten sie die großen Moleküle in ihre kleinen Mikronährstoffe auf, wie Aminosäuren, Vitamine und so weiter. Ohne unsere Darmbakterien, wäre unsere Versorgung unterbrochen.

Doch mittlerweile weiß man, dass diese Bakterien auch sprechen und Signale geben. Sie produzieren zum Beispiel einen großen Teil unseres Glückshormons Serotonin. So “belohnen” sie uns mit einem guten Gefühl, wenn wir sie gut versorgen. Dieses Zusammenspiel ist perfektioniert, bis…

Unsere Zusammenarbeit von außen zerstört wird. Es gibt auch böse Bakterien, die überhaupt kein Interesse daran haben, uns zu versorgen oder für uns zu arbeiten. Sie sind kleine Egoisten und Fressmaschinen. Zum Problem wird es, wenn gute Bakterien sterben und durch schlechte ersetzt werden. Denn dann kollabiert das perfekte Zusammenspiel.

Wodurch geschieht das? Erstens durch Gifte aus unserer Umwelt, die besten Beispiele sind Antibiotika, Schmerzmittel oder Pestizide. Zweitens durch eine falsche Ernährung. Wenn wir unsere guten Bakterien nicht genug füttern und pflegen, gleichzeitig die bösen Bakterien füttern, dann sterben die guten und werden durch schlechte ersetzt – klar und logisch. Gute Bakterien füttern wir unter anderem durch Ballaststoffe. Schlechte dagegen zum Beispiel durch Zucker oder andere verstoffwechselbare Kohlenhydrate. Hier schließt sich der Kreis. Gifte rotten gute Bakterien aus und schlechte (verarbeitete) Lebensmittel füttern die bösen – eine Garantie für eine kaputte Darmflora .

Doch jetzt entsteht das eigentliche Problem: Während gute Darmbakterien Dir ganz genau sagen, welche Lebensmittel gut für DICH sind. So sagen Dir die bösen nur, was gut für SIE ist. Zuckerfressmaschinen wollen mehr Zucker. Also senden sie Signale an Dich “iss mehr Zucker” – ob das gut für Dich ist, interessiert sie herzlich wenig. Sie nutzen ihre Macht und das Vertrauen unseres Körpers aus, dass sie die richtigen Informationen senden. Es entsteht ein Teufelskreis. Wir bekommen immer mehr Appetit auf ungesunde Lebensmittel und züchten damit immer mehr böse Bakterien heran, während die guten nach und nach aussterben.

Die Lösung ist nur: Teufelskreis unterbrechen und ungesunde Snacks durch gesunde ersetzen.

Die ganz ganz große gute Nachricht: Sobald Deine Darmflora und Deine guten Bakterien sich erholt haben, so können die kleinen Tierchen wieder die richtigen Signale senden. Und dann geschieht genau das, was wir alle wollen: Du bekommst Heißhunger auf gesunde Lebensmittel! 🙂

Appetit wird manipuliert durch: 1) Werbung und Industrie. 2) Böse Bakterien, die falsche Signale geben. Du bist, was Du isst. Durch ungesunde Lebensmittel fütterst Du böse Bakterien, die immer mehr ungesunde Lebensmittel fordern.

Natürliche Gründe für Appetit verstehen

Es gibt mehrere natürliche Gründe für Appetit. Der Unterschied zum Hunger ist, wie gesagt, dass während Hunger einfach nur laut schreit, Appetit Dich zu bestimmten Lebensmitteln und Nährstoffen führen möchte.

1) Geschmäcker: Süß, salzig, sauer, …

Manchmal deutet Dich Dein Körper zu ganz bestimmten Lebensmitteln, vor allem kennt er aber die verschiedenen Geschmäcker, wie süß oder salzig. Denn jede Geschmacksrichtung liefert Dir eine andere Nährstoffgruppe. Süß bedeutet jedoch nicht Zucker und salzig bedeutet auch nicht Speisesalz. Süß leitet Dich in Richtung Früchte, denn Früchte bieten weit mehr als nur Fruchtzucker. Auch Meersalz bietet eine Vielzahl an Spurenelementen, salziger Fisch Proteine und Omega3-Fettsäuren, Speisesalz dagegen nur den salzigen Geschmack. Bedenke also: Dein Körper möchte die Nährstoffe, nicht den leeren Geschmacksträger!

Durch Gewohnheiten haben wir außerdem verlernt, Appetit auf alle Geschmacksrichtungen zu haben. In der ayurvedischen Lehre ist es zum Beispiel völlig normal regelmäßig Sprossen oder bitter zu essen. In der deutschen Küche kommen diese Geschmacksrichtungen jedoch so selten vor, sodass unser Körper (unsere Bakterien) verlernt hat danach zu fragen.

2) Vielfalt

Vielleicht kennst Du das: Du willst mit Freunden Essen gehen und Ihr überlegt, in welches Restaurant Ihr geht. “Italienisch? Das hatten wir schon letztes Mal.” Das ist das Bedürfnis nach Vielfalt. Jeder Körper liebt Vielfalt in der Ernährung – ja, auch Deiner – denn nur Vielfalt stellt sicher, dass wir alle Nährstoffe erhalten. Das Problem ist auch hier, dass wir Vielfalt haben, jedoch auf falsche Weise. Wir haben Vielfalt an Nudeln, wir haben Vielfalt an Zuckergebäck, wir haben Vielfalt an Süßigkeiten und Genussmitteln. Was Dein Körper jedoch eigentlich will, ist eine Vielfalt an Gemüse, Kräutern, Gewürzen und so weiter. Wie oben beschrieben, lechzt er auch nach einer Vielfalt der verschiedenen Geschmacksrichtungen.

3) Manipulierter Appetit: Gewohnheiten & Bakterien

Jedoch lässt sich Appetit auch manipulieren, zum Beispiel durch schlechte Gewohnheiten oder eine ungesunde Darmflora. Das ist auch gut so. Dein Körper denkt “wenn wir noch am Leben sind, müssen wir etwas richtig gemacht haben”. Also versucht er das gelernte Verhalten zu festigen. Wer jeden Morgen Appetit auf Brot hat, der hat sich selbst so programmiert – und Appetit ist Dein Freund und Helfer, er hilft Dir, das Ganze zu wiederholen. Gratuliere!

Darmbakterien sind dann der zweite Grund. Wenn Du das Gefühl hast, Du bist geradezu “machtlos” und musst bestimmte Lebensmittel einfach essen, dann sind sehr wahrscheinlich böse Darmbakterien schuld. Diese Bakterien steuern Dich von Deinem Darm aus. Denn unser Körper vertraut auf gute Bakterien, schließlich sind wir ein Team. Schleichen sich aber mehr böse Bakterien ein, so werden auch diese Signale immer mehr verfälscht.

Die gute Nachricht: Appetit funktioniert in beide Richtungen. Er unterstützt Dich entweder dabei ungesunde Dinge zu essen oder aber auch nach gesunden Lebensmittel zu fragen, wenn Du ihn darauf trainierst.

Dein Körper liebt Vielfalt und Appetit ist nichts Schlechtes, sondern Dein Helfer.
Zu verstehen, was Dir Dein Körper wirklich sagen möchte, ist der erste Schritt in die Veränderung.